Natur und Literatur

Die Natur war und ist Gegenstand literarischer Anstrengungen des Menschen. Wir verstehen darunter die Gesamtheit schriftlicher Äußerungen von Homo sapiens in Sachen Natur!
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Busch 1, Busch 2, Fabre, Frenz, Goethe, Goodall, Hesse 1, Hesse 2, Laotse, Lorenz, Mulsant, Nasriddin Afandi, O’Malley, Poe, Remarque, Shipton, Xenarchos

 

“...Hätten Sie zum Beispiel jemals geglaubt, daß einige Insekten zu jenen kleinen Akrobatenstückchen imstande sind, die man gelehrigen Hunden und anderen Tieren beibringen kann? Nein? Dann werden Sie sich sicher mit den listigen Tierchen amüsieren, die ich Ihnen schicke. Sie sind auf ihre Art tatsächlich kleine Zauberer: So verstehen sie es zum Beispiel, bei der leisesten Berührung ihre Beine gegen den Bauch zusammenzuklappen, ihre Fühler in einer Körperfalte verschwinden zu lassen, die nur zu diesem Zweck vorhanden ist. Oder höchst überzeugend „Toter Mann“ zu spielen. Das ist noch nicht alles: legen Sie sie auf den Rücken und sie werden sich mit einem Salto in die Luft erheben wie unsere Jahrmarkt-Akrobaten, deren Kraft und Geschicklichkeit das Publikum bewundert.
Hätte die Natur ihrem Instinkt und ihrem Geist keine Grenzen gesetzt, so hätte sie zweifellos - wie der Mensch - ungeheure Fortschritte gemacht. Aber diese gute Mutter, die einen großen Kerzenlöscher über sie stülpte, erlaubt den Kleinen lediglich, die Kenntnisse ihrer Eltern zu erwerben, gewährt ihnen aber immerhin deren Genie. Doch genug damit. Schließlich sollen sie uns noch einige Überraschungen bieten und uns beweisen, daß es sich lohnt, ihre Verhaltensweisen kennenzulernen.
Allerdings muß ich Ihnen eines gestehen: ohne die Gabe, mittels Spannkraft wieder auf die Beine zu kommen, hätten sie ziemliche Schwierigkeiten, ihr einmal aufgegebene normale Stellung wiederzuerlangen. Denn ihre Beine sind so kurz und ihre Körperform bietet ihnen so wenig Möglichkeit, sich aus eigener Kraft umzudrehen, daß sie nicht selten Gefahr liefen, in einer  - anomalen - Stellung verharren zu müssen. Also hat die Natur, nur um ihnen Schwierigkeiten zu ersparen, die oft genug tödlich für sie ausgehen könnten, ihnen die Fähigkeit zu diesen plötzlichen Sprüngen verliehen, die wir an ihnen so bewundern. Um sie ausführen zu können, ziehen sie ruckartig Kopf und Brust an den Bauch, ziehen so kräftig das Ende des Brustbeins an, daß es wie eine Feder in eine Vertiefung in der Brust schnellt, und indem der Rücken heftig auf seine Unterlage rückschlägt, erheben sie sich mit einer elastischen Bewegung.
Wenn sie im Fallen ihre unglückliche Position nicht ändern konnten, wiederholen sie dieses kleine Manöver, bis sie wieder auf den Füßen stehen.
Sie schwingen sich mit dieser Methode manchmal bis zu Höhen empor, die zehn- oder zwölfmal soviel mißt wie ihr eigener Körper. Sie werden allerdings berücksichtigen müssen, daß die Kraft des Sprunges von der Beschaffenheit des „Sprungbretts“, auf dem sie sich betätigen, abhängig ist.
Die Schnellkäfer sind in ihrem Frühstadium beinahe zylindrisch, länglich, ausgestattet mit sechs Beinen und Kiefern, die Holz, Lohe oder Humuserde zermalmen können. Man beschuldigt eine Spezies dieser Familie, die Wurzeln unserer Getreide anzunagen und uns dadurch viel Schaden zuzufügen. Aber in ihrem letzten Stadium verlassen sie die Wiesen nicht mehr, auch nicht die Grashalme und Blüten, von denen sie sich herabfallen lassen, sobald man sich ihnen nähert.

Welche List in einem so schwachen Tier! Welcher Weitblick, um ja jede Gefahr zu vermeiden!

Wäre der Mensch mit ähnlicher Umsicht ausgestattet,
Er könnte die Pläne von Amor vereiteln;
Unfähig wäre der Schurke,
Ihn in seinen Netzen zu fangen.

Beinahe hätte ich meinen Brief beendet, ohne Ihnen von dem berühmten Cucujo-Schnellkäfer aus Mittelamerika zu berichten. Obwohl er hierzulande unbekannt ist, fühle ich mich auf Grund seiner bemerkenswerten Eigenschaften verpflichtet, ihn Ihnen vorzustellen.
Sein ganzer Körper phosphoresziert. Aber das Licht entströmt wie bei einer Blendlaterne nur durch zwei „Augen“ oder Flecke, die auf beiden Seiten des Brustschildes angebracht sind, und ist so stark, daß man - Sie werden es kaum glauben - die feinste Schrift zu lesen vermag, vor allem dann, wenn man mehrere Insekten in einem Glas gefangenhält. Die Indianer bedienen sich ihrer bei ihren nächtlichen Streifzügen als Lichtquelle. Sie befestigen sie an ihren Schuhen oder an der Brust und der sanfte Schimmer weist ihnen den Weg. Der verliebte Jüngling macht sie seiner Angebeteten zum Geschenk; die Frauen verwenden sie als höchst ökonomische Lampen bei der Arbeit oder sie schmücken sich die Haare mit den kleinen Tieren, um mit dieser leuchtenden Pracht bei ihren abendlichen Spaziergängen die Blicke auf sich zu lenken.

Adieu, Julia: Sie, an die die Natur all ihre Gunst verschwendet und die Sie mit ihren seltensten Gaben überhäuft hat...”

aus: Martial Etienne Mulsant (1797 - 1880): Briefe über die Entomologie an Julia, 1830. - M. E. Mulsant war einer der berühmtesten französischen Entomologen (Insektenkundler) seiner Zeit. Hauptwerk: Histoire naturelle des Coléoptères de la France.

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“Exklusivität ist das Merkmal des neuen Reichtums, der High Society und der Stinktiere.”

Austin O’Malley

 

"...Die Wiesen sind naß, und von den Wegen rinnt glucksend das Wasser. Ich trage ein kleines Einmachglas in der Manteltasche und gehe den Pappelgraben entlang. Hier habe ich als junge Fische und Schmetterlinge gefangen und unter den Bäumen gelegen und geträumt.
Im Frühjahr hing der Graben voll Froschlaich und
Algen. Helle, grüne Stauden von Wasserpest schwankten in den kleinen, klaren Wellen, langbeinige Schlittschuhläufer zickzackten zwischen den Stengeln der Schilfrohre, und Schwärme von Stichlingen warfen in der Sonne ihre eiligen, schmalen Schatten auf den goldgefleckten Sand.
Es ist kalt und feucht. In langer Reihe stehen die Pappeln neben dem Graben. Ihre Äste sind kahl, aber ein leichter, blauer Hauch hängt in ihnen. Eines Tages werden sie wieder grünen und rauschen, und die Sonne wird wieder warm und selig über diesem Stück Erde liegen, das so viele Erinnerungen meiner Jugend umfaßt.
Ich stampfe auf die Uferböschung. Ein paar Fische huschen darunter hervor. Da kann ich mich nicht mehr bezähmen. Dort, wo der Graben schmäler wird, so daß ich mit gespreizten Beinen darüber stehen kann, lauere ich, bis ich mit der hohlen Hand zwei Stichlinge erwische. Ich schöpfe sie in mein Glas und betrachte sie.
Sie schießen hin und her, zierlich und vollkommen, mit ihren drei Stacheln auf dem Rücken, dem schlanken, braunen Körper und den schwirrenden Brustflossen. Das Wasser ist klar wie Kristall. Die Reflexe des Glases spiegeln sich darin. Und auf einmal setzt mir der Atem aus, so stark empfinde ich, wie schön das ist, dieses Wasser im Glase mit den Lichtern und Reflexen. Behutsam nehme ich es in die Hand und wandere weiter, ich halte es vorsichtig und sehe manchmal hinein, klopfenden Herzens, als hätte ich meine Jugend darin gefangen und trüge sie nun mit mir nach Hause. Ich hocke mich an den Rand der Tümpel, auf denen dicke Schichten Wasserlinsen schwimmen, und sehe die blaumarmorierten Molche wie kleine Flatterminen hochpendeln, um Luft zu holen. Köcherfliegenlarven kriechen langsam durch den Schlamm, ein Gelbrandkäfer rudert träge über den Grund, unter einer modernden Wurzel hervor blicken mich die erstaunten Augen eines unbeweglichen Teichfrosches an. Ich sehe alles, und es ist mehr darin, als man sehen kann - es ist noch Erinnerung, Sehnsucht und das Glück der Vergangenheit darin..."

aus: Erich Maria Remarque (1931): Der Weg zurück. - Roman über die Rückkehr der deutschen Weltkrieg I - Soldaten in das Zivilleben. Teils autobiographischer Bericht über das seelische Chaos einer entwurzelten Generation.

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Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz schrieb im Kapitel “Mitleid mit Tieren”:

“...Und nun gar die Adler! Es tut mir geradezu leid, die märchenhaften Illusionen über diese herrlichen Vögel zerstören zu müssen, will ich bei der Wahrheit bleiben: Aber alle Raubvögel sind, gemessen etwa an Singvögeln oder Papageien, sehr dumme Tiere, und gerade der Steinadler, “der Adler” unserer Berge und unserer Dichter, ist eines der dümmsten unter ihnen, viel dümmer als jedes Hendel!...”

aus: Konrad Lorenz (1964): Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen. - Natürlich tut es Lorenz überhaupt nicht leid, den stolzen Aar, das Wappentier zahlreicher Staaten, recht deftig zu entmythisieren!

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Die Verhaltensforscherin Jane Goodall schrieb über den Werkzeuggebrauch bei Schimpansen:

“...Nachdem ich acht Tage auf der Lauer gelegen hatte, kam David Greybeard, diesmal zusammen mit Goliath, zu dem Termitenhügel zurück, und beide machten sich zwei Stunden lang an dem Bau zu schaffen. Jetzt konnte ich sie sehr viel besser beobachten: Ich sah, wie sie mit Daumen oder Zeigefinger die verschlossenen Eingänge aufkratzten. Wenn ihr Werkzeug sich bog, bissen sie ein Stück davon ab, schoben das andere Ende in den Bau oder tauschten es gegen einen neuen Halm aus. Einmal entfernte sich Goliath mindestens fünfzehn Schritte von dem Hügel, um sich ein solide aussehendes Stück von einer Kletterpflanzenranke zu holen, und nicht selten hoben die beiden Männchen, wenn sie nach neuen Werkzeugen suchten, drei oder vier Stengel auf, führten einen davon in den Termitenbau ein und ließen die übrigen so lange neben sich auf dem Boden liegen, bis sie sie brauchten.
Am faszinierendsten war für mich, daß sie mehrmals kleine belaubte Zweige abpflückten und sie für ihren Zweck zurichteten, indem sie die Blätter abstreiften. Mit dieser Beobachtung war zum erstenmal bewiesen, daß ein Tier in freier Wildbahn einen Gegenstand nicht nur als Werkzeug gebrauchte, sondern daß es einen Gegenstand für seine Zwecke herrichtete, was den ersten Anfängen der Werkzeugherstellung entspricht...”

aus: Jane Goodall (1971): In the Shadow of Man. - Ähnlich wie Darwins “On the origin of species by means of natural selection” (1859) haben diese zunächst eher belanglos anmutenden Zeilen ganze Weltbilder zum Einsturz gebracht: Wir Menschen sind nicht einzigartig! Wo wenn nicht hier wird der Ursprung unserer Kultur und deren faszinierende Verzahnung mit der Natur so offensichtlich?

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“Die Flöhe und die Wanzen
Gehören auch zum Ganzen.”

Johann Wolfgang v. Goethe

siehe auch hier

 

“...”Nachdem ich es minutenlang betrachtet hatte, sagte ich: „Der Käfer ist in der Tat seltsam, das muß ich zugeben; er ist mir gänzlich neu - habe nie dergleichen gesehen - es sei denn ein Schädel, ein Totenkopf, denn damit allein hat er Ähnlichkeit.“Oxysternon conspicillatum Weber
“Ein Totenkopf!“ wiederholte Legrand, “nun ja, mag sein, dass er auf dem Papier etwas davon hat. Die zwei oberen schwarzen Punkte sehen wie Augen aus, wie? Und der längere unten wie ein Mund – und die Form des Ganzen ist oval.“
“Vielleicht liegt es daran“, sagte ich. “Doch, Legrand, ich fürchte, Sie sind kein Zeichenkünstler. Ich muß warten, bis ich den Käfer selbst gesehen habe, ehe ich mir eine Vorstellung von ihm machen kann.“
“Sonderbar“, sagte er, ein wenig verletzt, “ich zeichne ganz gut - habe jedenfalls vortreffliche Lehrer gehabt und darf mir wohl auch schmeicheln, nicht gerade ein Dummkopf zu sein.“
“Ja mein lieber Freund, dann haben Sie wohl einen Scherz beabsichtigt?“ sagte ich. “Dies hier ist ein ganz gut gezeichneter Schädel, ja ich kann wohl sagen, ein meisterhaft gezeichneter Schädel - und Ihr
Skarabäus muß der merkwürdigste Käfer von der Welt sein, wenn er ihm gleicht; er könnte geradezu unheimliche Vorahnungen erwecken. Ich nehme an, Sie werden den Käfer Scarabaeus caput hominis oder so ähnlich benennen; es gibt eine ganze Reihe derartiger Namen in der Naturgeschichte. Doch wo sind die Fühlhörner, von denen Sie sprachen?“
“Die Fühlhörner!“ sagte Legrand in übertrieben gereiztem Ton; “Sie müssen sie doch sehen, die Fühlhörner. Ich habe sie in natürlicher Größe wiedergegeben, und ich meine, das genügt für ihre Erkennbarkeit.“
“Nun, nun“, erwiderte ich, “mag sein; ich sehe sie aber nicht.“ Und ich gab ihm ohne weitere Worte das Papier zurück, um ihn nicht noch mehr zu reizen. Ich war aber über die Wendung der Dinge sehr überrascht. Seine schlechte Laune beunruhigte mich; was konnte ich dafür, daß die Fühlhörner nicht zu sehen waren und daß das Ganze eine verblüffende Ähnlichkeit mit der üblichen Wiedergabe eines Totenschädels hatte?...

aus: Edgar Allan Poe (1809 - 1849): Der Goldkäfer. - Auch diesem Textbeispiel seiner Kriminalgeschichte merkt man es an: Poe mag es gern ein wenig düster und unheimlich, obwohl es sich doch “nur” um einen südamerikanischen Mistkäfer (Oxysternon conspicillatum Weber) handelt.

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Vom Sprung eines Frosches
im Wasser ein Ton.

Außergewöhnlicher Zweizeiler ähnlich einem japanischen Haiku (Dreizeiler), Autor unbekannt

 

“Die Sonne verzog sich angewidert hinter dem Horizont. Ich wußte genau, wie sie sich fühlte. Hinter mir lag ein langer Tag und er war noch nicht vorüber. Ich hatte das Gefühl, den ganzen Garten zehnmal hintereinander abgegrast zu haben. Meine Beine schmerzten - alle sechs - und langsam hatte ich diesen Fall ziemlich satt. Ich wollte mich nur noch unter den nächstbesten Stein verkriechen. Aber es gibt gewisse Dinge, die ein Insekt eben tun muß - besonders dann, wenn es dafür bezahlt wird...”

aus: Paul Shipton (2000): Die Wanze. - Vorbild für diesen absolut lesenswerten Insektenkrimi und seinen Protagonisten, den Käfer Muldoon, genannt “Die Wanze”, war Chandlers unkonventioneller Privatdetektiv Phil Marlowe.

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Wer durch des Argwohns Brille schaut,
Sieht Raupen selbst im Sauerkraut.

Wilhelm Busch

 

“...So müssen Sommerferien sein! Über den Bergen ein enzianblauer Himmel, wochenlang ein strahlend heißer Tag am andern, nur zuweilen ein heftiges, kurzes Gewitter. Der Fluß, obwohl er seinen Weg durch so viel Sandsteinfelsen und Tannenschatten und enge Täler hat, war so erwärmt, daß man noch spät am Abend baden konnte. Rings um das Städtchen her war Heu- und Öhmdgeruch, die schmalen Bänder der paar Kornäcker wurden gelb und goldbraun, an den Bächen geilten mannshoch die weißblühenden, schierlingartigen Pflanzen, deren Blüten schirmfürmig und stets von winzigen Käfern bedeckt sind und aus deren hohlen Stengeln man Flöten und Pfeifen schneiden kann. An den Waldrändern prunkten lange Reihen von wolligen, gelbblühenden, majestätischen Königskerzen, Weiderich und Weidenröschen wiegten sich auf ihren schlanken, zähen Stielen und bedeckten ganze Abhänge mit ihrem violetten Rot. Innen unter den Tannen stand ernst und schön und fremdartig der hohe, steile rote Fingerhut mit den silberwolligen breiten Wurzelblättern, dem starken Stengel und den hochaufgereiten, schönroten Kelchblüten. Daneben die vielerlei Pilze: der rote, leuchtende Fliegenschwamm, der fette, breite Steinpilz, der abenteuerliche Bocksbart, der rote, vielästige Korallenpilz; und der sonderbar farblose, kränklich feiste Fichtenspargel. Auf den vielen heidigen Rainen zwischen Wald und Wiese flammte brandgelb der zähe Ginster, dann kamen lange, lilarote Bänder von Erika, dann die Wiesen selber, zumeist schon vor dem zweiten Schnitte stehend, von Schaumkraut, Lichtnelken, Salbei, Skabiosen farbig überwuchert. Im Laubwald sangen die Buchfinken ohne Aufhören, im Tannenwald rannten fuchsrote Eichhörnchen durch die Wipfel, an Rainen, Mauern und trockenen Gräben atmeten und schimmerten grüne Eidechsen wohlig in der Wärme, und über die Wiesen hin läuteten endlos die hohen, schmetternden, nie ermüdenden Zikadenlieder...”

aus: Hermann Hesse (1905): Unterm Rad.

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Glücklich leben die Zikaden,
denn sie haben stumme Weiber.

Xenarchos (von Rhodos)

 

Hier ein schriftstellerisches Kabinettstückchen von Jean-Henri Fabre über die Raupen des Kiefernprozessionsspinners. Er beschreibt und analysiert ihre verhaltensbiologische Eigenheit, den von ihnen gesponnenen Wegfäden sklavisch zu folgen. Nachdem  einige Raupen auf den Rand eines Palmenkübels gewandert sind, unterbricht er experimentell alle abwärts führenden Seidenfäden, worauf die Raupen endlos im Kreis zu marschieren beginnen.

“...Oben, auf dem Rand des Topfes, bricht die Prozession jeden Augenblick auseinander, um sich gleich darauf wieder zusammenzuschließen. Zum erstenmal sehe ich, wie kühne Anführer, berauscht von der Wärme und nur vom letzten Paar ihrer Scheinfüße, Afterfüße, am äußersten Rand des tönernen Wulstes festgehalten, ihren Körper in den freien Raum hinausstrecken, sich drehen und winden, als wollten sie die Tiefe ermessen.
...Einer der Neuerer wagt den Tauchsprung. Er gleitet unter den Wulst. Vier Raupen folgen ihm. Die übrigen, immer noch der heimtückischen Seidenspur vertrauend, getrauen sich nicht, sich ihnen anzuschließen, und wandern auf dem alten Weg weiter.
Die kleine Reihe, die sich von der Kette gelöst hat, zaudert lange Zeit an der Wand des Topfes; sie steigt bis zur Mitte ab, dann klettert sie wieder schräg aufwärts, erreicht die Prozession wieder und fügt sich ihr ein. Für diesmal ist der Versuch gescheitert.
...Wie dem auch sei, der Versuch war nicht nutzlos. Unterwegs wurden ja jene Seidenfäden ausgelegt, die zu neuen Unternehmungen verlocken werden. Die ersten Marksteine zum Weg in die Freiheit sind gelegt. Und in der Tat, am übernächsten Tage, dem achten Tag der Prüfung, steigen die Raupen, manchmal einzeln, manchmal in kleinen Gruppen oder in Kettenstücken von einiger Länge, über den Randwulst herab und folgen dem bezeichneten Pfad. Bei Sonnenuntergang haben auch die letzten Nachzügler ihr Nest erreicht.
Und nun wollen wir ein wenig rechnen. Sieben mal vierundzwanzig Stunden sind die Raupen auf dem Rande des Topfes geblieben. ...Also wurde der Kreis, immer in derselben Richtung und ohne irgendein Ergebnis, 335 mal umlaufen. ...Die in Not geratenen, ausgehungerten, obdachlosen, durchfrorenen Raupen bleiben hartnäckig auf ihrem Seidenband, dem sie hundert- und aber hundertmal gefolgt sind, weil ihnen jener Schimmer von jener Intelligenz fehlt, die ihnen raten müßte, es zu verlassen...

aus: Jean-Henri Fabre (1823 - 1915): Souvenirs entomologiques. - Dieser “Homer der Insekten” genannte Forscher öffnete mit seinen anschaulichen und von unglaublicher Beobachtungsgabe gekennzeichneten Schriften breiten Bevölkerungsschichten in Frankreich die Augen für die faszinierende Welt der Kerbtiere.

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Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kommt zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.

Wilhelm Busch

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“...Die Legende aus der Odyssee hat wahrscheinlich einen wahren Kern: Hinter dem einäugigen Zyklopen steckt ein Lebewesen, das wirklich existierte. Schon immer brauchten Menschen Erklärungen für Ungewöhnliches, Unheimliches, Unbekanntes: Auf einigen Mittelmeerinseln fanden sich manchmal Schädel, die knapp unter der Stirn ein merkwürdiges, erstaunlich großes Loch besitzen. Was konnte das sein? Heute lassen sich die Gebeine eindeutig zuordnen: Sie gehören winzigen Elefanten, zwergwüchsigen Inselformen, deren Relikte auf Sizilien, Kreta, Malta, Tilos und Zypern entdeckt wurden.
...Zwergelefanten kannten die frühen Griechen aber nicht mehr - und irgendwie mußten sie sich solche ungeheuerlichen Schädel mit einem großen Loch unterhalb der Stirn ja erklären. Wie sollten sie auch wissen, dass hier - wie bei Elefanten typisch - ein gewaltiges Nasenloch sitzt, an dem auch der Rüssel entspringt? So füllten die damaligen Menschen das Loch mit etwas, das sie kannten: einem großen Auge. Und schon war die Sage vom einäugigen Zyklopen entstanden...”

aus: Lothar Frenz (2000): Riesenkraken und Tigerwölfe. Auf der Spur mysteriöser Tiere. - Sind für uns moderne, aufgeklärte Menschen die ausgestorbenen inselbewohnenden “Mittelmeerelefanten” nicht genauso faszinierend wie der einäugige Polyphem für die alten Griechen?

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Was die Raupe Ende der Welt nennt,
nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Laotse (chinesischer Philosoph)

 

Afandi litt wieder einmal an Geldmangel. Er zerrieb gebrannte Ziegel, tat das Pulver in einen Sack und bot es auf dem Markt als “Flohgift” feil. Im Nu hatte er alle seine Ware verkauft. Am nächsten Markttag tauchte er dort mit einem zweiten Sack Ziegelstaub auf. Da kam einer zu ihm, der beim letztenmal davon gekauft hatte und beschwerte sich:
“Afandi, es scheint mir, je mehr man von Eurem Flohgift ausstreut, desto mehr Flöhe gibt es, statt daß sie vernichtet werden!” “In welcher Weise benutzt Ihr denn das Gift?” erkundigte sich Afandi. “Wir haben es unter die Bastmatten und auf die Filzteppiche gestreut.” “Aber nein”, meinte Afandi. “Ihr müßt zuerst den Floh nehmen, ihn an den Ohren packen und unter den Armen kitzeln. Da lacht der Floh und macht den Mund auf. In dem Augenblick streut Ihr ihm eine Prise Gift in den Mund und davon stirbt er, so Gott will!”
“Aber wenn man den Floh schon gefangen hat, kann man ihn ebenso gut gleich zerknacken!” “Gewiß”, räumte Afandi ein, “man kann ihn auf diese oder die andere Weise vernichten.”

aus: Nasriddin Afandi (Hodscha). Der Sündensack. Schwänke, Anekdoten und Witze. Nasriddin Afandi - auch Nasriddin Hodscha genannt - ist der türkische Eulenspiegel, die bekannteste und lustigste Gestalt der islamisch-orientalischen Volksliteratur. Seit Jahrhunderten trotzt er als Held unzähliger Schwänke schlagfertig und schlau allen Widrigkeiten des Lebens.

Ausgewählt und aus dem Usbekischen übertragen von Atabai Shumanijasow und Heidi Stein.

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Flügelt ein kleiner blauer
Falter vom Wind geweht,
ein perlmutterner Schauer,
glitzert, flimmert, vergeht.

So im Augenblicksblinken,
so im Vorüberwehn
sah ich das Glück mir winken,
glitzern, flimmern, vergehn.

Hermann Hesse

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